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KAPITEL 1 | 1: Die kultivierte Bespaßerin

 

Die Einladung zum Abendessen im erweiterten Freundeskreis erreichte sie Freitagabend. Da es eh niemanden gab, der sie am Wochenende hätte beglücken können, sagte sie spontan zu. 

Sie schwankte zwischen dem weißen T-Shirt und dem diskret ausgeschnittenen Kleid, dessen Länge ihre schlanken Fesseln unterstrich und entschied sich für ersteres. Sie war sich ihrer Wirkung auf Männer bewusst. Schlank, mit jugendlicher Ausstrahlung und ausgeprägten Rundungen an der richtigen Stelle.  

Das Ambiente gepflegter Langeweile, diese verkrampft unangestrengte Lässigkeit lag bleischwer über der Runde. Man musste nicht mehr beeindrucken, man kannte sich, man ließ wissen. Vertrautheit war nicht gleich Wertschätzung. Die Leere des eigenen Daseins füllte man mit beiläufigen Anmerkungen zur  voraussichtlichen Beförderung des Gatten.   

Sie spürte diese Wand aus Glas, die allen alleinstehenden, attraktiven, klugen Frauen den Zugang zur Gemeinschaft der alteingesessenen Paare, zu ihrer kommunikativer Wagenburg verwehrte. Es waren eher die leisen Zwischentöne, für die Frauen leichter empfänglich sind als Männer. Kultivierte Stutenbissigkeit hatte es ihre Freundin mal genannt. 

Während die Herren die üblichen Verdächtigen abhakten - Golfclub, Auto, Prostata - mäanderte die Damenwelt durch eher gefühlsbetonte Themenwelten. Kalorien, Kosmetika, Krampfadern.
Erotische Sehnsüchte, unausgesprochene Begierden, gehässige Anmerkungen behielt man sich für die kleine Runde nach dem die Zunge lösenden dritten Glas Wein vor.

Karin fühlte sich wie ein Fesselballon. Am Tischbein angebunden, auf Distanz gehalten, ohne Möglichkeit, lenkend eingreifen zu können. Die abschätzig misstrauischen Blicke der anderen Frauen erzürnten sie, sie war als ästhetische Deko eingeladen, um den eingefahrenen kommunikativen Mechanismen der Anwesenden ein wenig Würze zu verleihen. Sie war eine latente Gefahr für die  von Langeweile und Lieblosigkeit gekennzeichneten erstarrten Strukturen  der anderen. Der Blick des Herrn gegenüber, der etwas zu lange auf ihrem Ausschnitt verweilte, das peinliche Grinsen, als er sich dabei ertappt fühlte … Daneben die Meiers. Kleines M und …., wie er einmal halb betrunken geäußert hatte, getragen von seinem meckernden Lachen. Es lachte ja sonst niemand.

Am anderen Ende der Tafel saß ein Paar, das sich sowohl vom Alter wie auch vom Habitus von den anderen unterschied. Sie sprachen wenig, aber diese einvernehmliche Zärtlichkeit, die sie verband, die kleinen Gesten, die zärtlichen Berührungen beeindruckten sie. Sie versuchten nicht, ihr Alter zu verbergen, sie trugen es gelassen, mit Eleganz und unverfälschtem Selbstbewusstsein. Die Frau war schön, mit hohen Wangenknochen, weißem langen Haar. Karin war von ihrer Haltung beeindruckt, nicht zusammengeduckt, vom Leben gezeichnet wie viele andere. Ihre Stimme war schön, sie hatte es nicht nötig, sich lautstark aufzuplustern. Sie besaß die Fähigkeit, zuzuhören, dabei Interesse zu zeigen. Ihr Begleiter, vermutlich ihr Gatte, schaute sie liebevoll an, sein Blick war ein Streicheln. Ihr entging nicht, wie seine Mimik Missfallen ausdrückte, als sein Tischnachbar rechte Prollparolen zum besten gab.   Sie ertappte sich bei der Vorstellung, sich selbst so zu sehen, in zehn oder fünfzehn Jahren. Wenn sie es jetzt nicht schaffte, einen adäquaten Partner zu finden, wie sollte es später möglich sein? Wenn die momentane Anspruchshaltung in Versorgungsbedarf kippte, man sich gemeinsam zur Apotheke schleppte?  

Alle Männer, die ihre Lagerstatt durchkreuzt und ihre Seele berührt hatten, waren größer gewesen als sie. Es ist, wie es ist. Ihr Beuteschema war schlank, mit einem spöttischen Grinsen, selbstironisch und verständnisvoll. Lebensklug. Gefühlsbetont und doch pragmatisch. Sie brauchte keine Schulter zum Anlehnen, aber bisweilen einen emotionalen Rückzugsort, wo sie sich aufgehoben, geborgen, angenommen fühlte. Er bediente verbal das Florett, nicht den Säbel. Wer hatte noch mal gesagt: Die Klitoris der Frau sitzt im Ohr? Sich in schönen Sätzen zu verlieren, sich seinen Worten hinzugeben, das mochte sie. Das schuf Nähe, Vertrautheit. 

Sie vertrat die Meinung, dass sich die Partnersuchenden in zwei Gruppen aufteilen lassen: die Bedürftigen, die Klammerer, die Versorgungsbeflissenen. Die Herren, die Köchin, Krankenschwester und Geliebte in Personalunion anstrebten. Als vorauseilende Abfederung ihres sich abzeichnenden Alterungsprozesses. Dann die trottulösen Lustgreise, deren Phantasie noch zu vielem fähig, aber der Überleitung in den Körper verlustig gegangen war. 

Dann die zweite Gruppe. Partner, mit denen man seine Freuden teilen konnte. Der Mann, auf dessen Gegenwart sie sich freute, wenn sie auf dem Weg nach Hause war. Mit dem sie voller Zärtlichkeit im Bett lag, ohne dass sich daraus automatisch der Anspruch auf Sex ableitete. Oder doch. Der erspürte, wenn sie eine Umarmung brauchte. Der sie immer noch überraschte. Und der ihr Wertschätzung entgegen brachte. Und letzteres war wohl das wichtigste. Die meisten Frauen verlassen ihre Männer nicht, weil der andere attraktiver, reicher, potenter ist, sondern weil sie sich nicht begehrt fühlen. Und nicht in Alltagsroutine ersticken wollen.

 

Sie hatte einen Blick für das Komplementäre. Wenn sie zum Beispiel vom Anblick eines Paares hingerissen war, dessen Schönheit sich erst in der Kombination ihrer Einzelpersönlichkeiten entfaltete. Die ihr individuell gar nicht aufgefallen wären. Das ergänzende Zusammenspiel der beiden bezauberte sie, eine Geste, ein Blick, ein Hauch von Zärtlichkeit, die Anmutung eines Glücksmoments.

Sie hatte ihren letzten Partner vor zwei Jahren verlassen, ganz undramatisch. Ihr war plötzlich klar geworden, dass ihr Leben in vorgezeichneten Bahnen verlaufen würde. Die lauen, dahin plätschernden Gespräche über Nichtigkeiten, die Affären im Freundeskreis, das Abtauchen in die Niederungen des alltäglichen Miteinanders. Keine Schmetterlinge mehr im Bauch. Alles festgezurrt. Der Mann, der sie mit seiner umwerfenden Fröhlichkeit, seinem ungebremsten Optimismus einst erobert hatte, trat jetzt des Morgens in die Küche, unrasiert, gähnend, das urinbefleckte Beinkleid aus Feinripp spannte sich über der Dreimonatswampe. 

Sie hatte den Entschluss ohne lange Überlegungen gefasst. Sich ein kleines Apartment gemietet, am Waldesrand, wegen ihrer Leidenschaft fürs Joggen. Das Ledersofa und die Stereoanlage schaffte sie mit Freunden aus dem Haus, dazu die Bücher, das Macbook, das große Metropolisposter im Alurahmen.  

Von dem Rest verabschiedete sie sich leichten Herzens. Sie war erstaunt darüber, wie leicht es ihr fiel, Objekte aus ihrem Leben zu entfernen. Bei Klamotten verfuhr sie nach einem ebenso simplen wie effektiven System: Alles, was sie ein Jahr lang nicht getragen hatte, blieb zurück. Sollte er doch das neue Schlamperl damit drapieren.  

Als er nach einem Besuch bei seinen Eltern am Sonntagabend zurückkehrte, fand er eine kurze Notiz auf dem Küchentisch vor. „Unsere Wege trennen sich. Meine Entscheidung ist unwiderruflich. Danke für die schönen Momente, auch wenn die Erinnerung daran schon verblasst ist. Versuche nicht, mich umzustimmen, zwecklos.“  Er würde nicht lange unbeweibt bleiben, davon war sie überzeugt. 

Wollte sie überhaupt einen Partner? Sie war finanziell unabhängig, mit guten Genen und einem gefestigten Freundeskreis gesegnet. Männer schauten ihr immer noch interessiert nach. Sie war schon immer stolz auf ihren guten Geschmack, da passte alles zusammen. Kleidung, Uhr, Brille, Schuhe. Na gut, die meisten Herren weckten keine Begehrlichkeiten mehr in ihr. Vom Alter gebeugt, vom Leben gezeichnet. Sie strahlten nicht mehr diesen jungenhaften Drang aus. Die Enttäuschungen hinterließen Spuren, Furchen.

Wie war der Traumprinz beschaffen? Rein physisch war sie durchaus bereit, Abstriche zu machen. Den Verlust des vollen Haupthaares nahm sie mit Humor. Einem Kerl die Glatze zu streicheln, hatte was, solange der Rest stimmte. Auch den Sixpack hatte sie von der Erwartungsliste gestrichen, eine kleine Wampe konnte man gemeinsam abtrainieren, zumal sie selbst zwar schlank war und als Gesamtkunstwerk mit summa cum laude kritischen Blicken standhielt, aber nicht so naiv war, sich mit einer Vierzigjährigen vergleichen zu wollen. Schönheit definierte sie als Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren. Die Figur, der Gang, Authentizität. Ihre Geheimwaffe war ihre Stimme. Eher dunkel, warm, sie verstand es, Worte zu modellieren, Pausen zu setzen, schöne Sätze mit einem Hauch erotischer Anmutung ausklingen zu lassen.   

 

Das Problem der Partnersuche bestand in der Widersprüchlichkeit. Vielleicht sollte man Ausschlusskriterien heranziehen. Das Aussehen, die physische Anziehung als Alleinstellungsmerkmal schloss sie aus, andererseits wollte sie stolz auf den Kerl sein, der an ihrer Seite schritt. Ihre ausgeprägte Neigung für das Schöne, Ausgewogene stellte ihr oft ein Bein. Ihre Sehnsüchte, seine Haut, sein Geruch, seine Berührungen ließen sich nicht willentlich verdrängen, dazu war sie zu sehr Sinnesmensch. Aber auch die Alltagstauglichkeit, die Gelassenheit in Problemsituationen waren wichtig für sie. Sie hatte genug Verantwortung getragen in ihrem Leben, beruflich wie privat, sie wollte auch mal loslassen können. Leider verbanden die meisten Herren diese Eigenschaft mit einer ausgeprägten Kontrollwut. Und ihr Freiraum war ihr wichtig. Sie brauchte keinen Macker, der ihr Leben vorzeichnete. Die Erinnerung an verflossene Unbill ließ sie erschauern.

Sie seufzte innerlich, während die Gäste sich in kleine Gruppen auflösten. Zeit zu gehen. Als sie sich von U. verabschiedete, drängte er sich aufdringlich mit wabernder Alkoholfahne an sie heran und flüsterte ihr ins Ohr: „Wir können uns doch mal treffen und ein wenig Spaß haben …“.  

Ekel überkam sie. Das kann doch nicht alles gewesen sein, es musste doch jemanden geben, der ihrer Vorstellung entsprach. 

Sie war realistisch genug, ihre Sehnsüchte der Realität anzupassen. Der Traumprinzenmarkt war leer gefegt, das Angebot eher dürftig. Und die Erfahrungsberichte ihrer Freundinnen zwischen ernüchternd und deprimierend. Sie dachte zurück an die Zeiten, als sie klopfenden Herzens hinter der Gardine die Ankunft des Briefträgers erwartete, ihre Enttäuschung, als er vorüberschritt, der ersehnte Brief nicht ankam. 

Das Problem bestand darin, dass die meisten Älteren von der großen Liebe träumen, aber nicht mehr daran glauben. Und vergessen, dass die Liebe nicht losgelöst von den äußeren Bedingungen herbei schwebt. Sondern auch von sehr konkreten Faktoren bestimmt wird. Ab einem bestimmten Alter sind die Erinnerungen an verflossene leidenschaftliche Liebschaften von Wehmut geprägt, die Konturen verschwimmen.

Ihre bisherigen Kontaktversuche in den Partnersuchapps waren eher sporadisch gewesen, ein leises Antasten, ohne rechte Überzeugung. Vielleicht sollte sie ernsthafter an das Thema herangehen. Sie konnte ja nicht erwarten, dass die Herren sich mit Verve bemühten, sie selber sich aber auf eine legere Annäherung beschränkte.

Sie beschloss, den feschen Haberer ausfindig zu machen, der da draußen durch ihre Sehnsuchtslandschaften mäanderte und von ihr träumte. Es gab ihn, dessen war sie sich sicher.

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The Presidio House

Location

San Francisco

Project type

Interior Design

Status

Completed

Year

2035

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