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KAPITEL 1 | 2: Der nonchalante Genießer


Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland erblickte am 23. Mai 1949 das Licht der Welt, er sechs Tage früher. Er bedauerte die Tatsache, dass die beiden Tage nicht zusammen fielen, er hätte so gern den jährlichen Geburtsverfassungstag zelebriert. Das Foto des verrunzelten Babys mit der Originalfassung des Grundgesetzes im Arm hätte seine Wirkung nicht verfehlt.

Die gelegentlich auftauchende Frage nach der Anzahl seiner Damenkontakte vermochte er mittlerweile elegant auslaufen zu lassen, wie eine sanfte Meereswelle am Strand. Er ließ durchblicken, dass den wahren Gentleman die Diskretion auszeichnet. Galt es, den die Dame umgebenden Wassergraben noch zu überwinden, ließ er sich zu der Bemerkung herab, nur schöne, wunderbare Frauen hätten seinen Weg gekreuzt, wofür sie ja das beste Beispiel sei. Nur seine Zwillingssöhne wussten um die quantitative Erfassung seiner Bemühungen, sie nahmen es achselzuckend zur Kenntnis.

In Wirklichkeit war er ein unablässig Suchender. Bisweilen warf er den Anker aus, verharrte längere Zeit an einer Stelle, bis die Strömung des Lebens ihn erfasste und weitertrieb. 

Er war stolz darauf, mit einer einzigen Ausnahme von keiner Frau sich im Streite getrennt zu haben. Man verabschiedete sich mit einem verständnisvollen, verzeihenden Lächeln, ohne gegenseitige Schuldzuweisung. Meist zeichnete sich die nachfolgende Silhouette am Horizont  ab, was der einvernehmlich geräuschlosen Trennung zuträglich war. Sah er sich gezwungen, eine Frau ohne deren Einverständnis zu verlassen, litt er. Was ihm wirklich zusetzte, war eine andere Konstellation: Er ließ sich mit einer Frau ein, deren Partner sie noch liebte. Er empfand tiefstes Mitgefühl mit dem Manne, was ihm zum Nachweis seiner maskulinen Sensibilität gereichte, als Lackmustest der Empathiefähigkeit. 

Als BJ den Volvo auf dem Weg zum Bahnhof mit einer spontanen Vollbremsung und quietschenden Bremsen zum Halten brachte, die Tür aufriss und ihn mitten in der Pampa gestenreich und mit reichlich Dezibel zum Verlassen des Wagens und ihres Lebens aufforderte, schwankte er.  

Sollte er sich würdevoll und unbeeindruckt verabschieden und damit vielleicht den Zug nach Wien verpassen oder bis zum Bahnhof ihre Beschimpfungen ertragen? Der Satz: „Der einzige Ort, wo Du zu was taugst, ist das Bett …“ ließ ihn dann aussteigen. Wobei er sich über die Deutung ihrer Aussage lange nicht m Klaren war.  

Gottverlassen stand er am Straßenrand, sah die Minuten bis zur Abfahrt des Zuges verrinnen und empfand einen leichten Anflug von Selbstmitleid. Zwei Minuten später hielt ein Wagen, man forderte ihn zum Einsteigen auf und setzte ihn vor dem Bahnhof ab.

Er konnte sich auf sein Glück eigentlich fast stets verlassen. Immer wenn die Lage aussichtslos schien, geschah etwas, was andere als kleines Wunder empfanden. Dies erlaubte ihm eine gewisse abgeklärte Nonchalance in kritischen Situationen, was von der Damenwelt wohlwollend aufgenommen wurde. Die Gestaltung seiner Außendarstellung war ein laufender Prozess, der sich über längere Zeit hinzog. Dabei half ihm ein Charakterzug, der nicht sehr verbreitet war: Er war in der Lage, aus seinen Fehlern zu lernen. Bisweilen sogar, sich neue Sichtweisen auf alte Tatbestände anzueignen.  

Obwohl seine Einstellung zu BJ uneinheitlich war, war er ihr in einem Punkt zu tiefem Dank verpflichtet. Sie hatte ihm das Buch „Männer sind anders, Frauen auch“ von John Gray solange unter die Nase gerieben, bis er es schließlich las.   Was er anfangs widerwillig als esoterischen Leitfaden abtat, veränderte seine Einstellung zum weiblichen Geschlecht radikal. Dass eine Frau, egal wie emanzipiert sie war, als Frau, als Dame behandelt werden wollte, hatte bis dahin sein sensorisches Periskop nicht erreicht.   

Er überschüttete nun BJ mit kleinen Aufmerksamkeiten, hielt ihr die Wagentür auf, half ihr aus dem Mantel … Die treffende Bezeichnung wäre „verwöhnen“ gewesen, aber sie hasste dieses Verb. Stattdessen wurde er bisweilen mit diesem leicht spöttisch-wohlwollenden Lächeln belohnt, welches seinen Hormonpegel et al nach oben ausschlagen ließ und ihm nicht wenige Glücksmomente bescherte.  

Die Fähigkeit, zu bedrohlichen Sachverhalten eine ironische Distanzierung aufzubauen, verlieh ihm eine Aura von Abgeklärtheit. Die Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung waren ihm durchaus geläufig. Er war sich der Neigung der meisten Menschen bewusst, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken und für eigenes Fehlverhalten andere verantwortlich zu machen. Sein Vermögen, zwischen Lobhudelei und echter Anerkennung zu unterscheiden, leistete ihm bei der Beurteilung seiner Mitmenschen oft gute Dienste.

Vor allem vermochte er es, zuzuhören. Die in der akustischen Wahrnehmung enthaltenen Informationen weiter zu leiten, auszuwerten und zu deuten. Das verschaffte ihm den Ruf eines verständnisvollen Gesprächspartners. Eine zustimmende Kopfbewegung, ein gelegentliches Hmmm … und von Zeit zu Zeit die Interesse bekundende Zwischenfrage, mehr brauchte es nicht. Ging sein Interesse an der Dame über das rein Kommunikative hinaus, schaute er sie des öfteren unbeholfen zärtlich an, wobei er kurzzeitig und scheinbar unabsichtlich ihren Arm berührte. Beim nächsten Mal zog er seine Hand lange nicht zurück. Das war der entscheidende Moment, das Anzeichen ihrer Bereitwilligkeit, sich ihm zu öffnen. 

Sein Frauenbild hatte sich im Laufe der Zeit radikal verändert. Empfand er sie früher als schützenswerte Wesen, die man vor der Unbill der Welt bewahren musste, wich diese Einstellung im Laufe der Jahre einer eher realistischen Haltung. Vor allem, was den Eros betraf. Die viktorianische Hochzeitsnachtempfehlung vieler Mütter, „Lay back and think of England“ war ihm fremd, aber sein Frauenbild änderte sich in dem Augenblick, als Frau unverhohlen sexuelles Interesse bekundete und ihn zu Handlungen aufforderte, die er als übergriffig und gleichzeitig erregend empfand. In den letzten Jahren genoss er es, wenn die Damen ohne Umschweife und positiv schamlos seine Dienste in Anspruch zu nehmen gedachten.

Dabei kam ihm etwas zustatten, was ihn von seinen Mitwettbewerbern abhob - seine ungewöhnlich gute Durchblutung. Was ihn besonders auszeichnete, war seine Einstellung zur komplementären Zärtlichkeit. Er hatte früh verstanden, dass die Klitoris einer Frau im Gehörgang sitzt. Und dass sie sich sicher, begehrt und aufgehoben fühlen muss, um erregt zu werden.   

Er wurde nie von dem Ehrgeiz heimgesucht, ein Geheimnis bis in den letzten Winkel ausleuchten zu wollen, ihn  faszinierte die verbleibende Restgrauzone. Seinem Ruf bei den Damen war diese Einstellung durchaus zuträglich, die Gutmeinenden interpretierten es als die Abwesenheit maskuliner Kontrollwut, dem absoluten  Beziehungskiller. Die Zurschaustellung von nacktem Busen im öffentlichen Raume schreckte ihn eher ab, die schwingende Anmutung eines wohlgeformten sekundären Geschlechtsmerkmals unter fließendem Stoff erregte ihn. Deshalb empfand er die zunehmende Verbreitung des gefütterten Büstenhalters als ästhetische Zumutung.

Die Behauptung, dass Männer besser verdrängen können als Frauen, hatte ihm bisweilen als argumentative Krücke über manchen Zweifel hinweg geholfen. Als vorauseilende Maßnahme, um der charakterlichen Selbstverzwergung Einhalt zu gebieten. 

Beim Lesen eines Berichtes über alkoholbedingten Leberschaden, zum Beispiel. Seine kurzzeitige Versuchung, statt einer halben Flasche Wein nur noch zwei Gläser täglich zu konsumieren, fiel seiner erprobten argumentativen Strategie zum Opfer. Zum Mittagessen nur noch Wasser statt Wein. Damit war sein Gewissen zumindest für einen Tag beruhigt. Er war der festen Überzeugung, dass die Fähigkeit des Menschen, sich selbst in die eigene Tasche zu lügen, fast unbegrenzt ist. Daher hatte er sich als Korrektiv den Besuch der Waage verordnet. Waagen lügen nicht. Und seine Angst, dick zu werden, war panisch. Sein durchaus gefestigtes Selbstbewusstsein beruhte nicht zuletzt darauf, dass er 1,86 Meter groß war, einen kleinen, wenn auch zum Erschlaffen neigenden Po sein eigen nannte und, sobald er sich des weiblichen, auf ihn gerichteten Blickes bewusst wurde, diesen durchaus lässig mäandernd einzusetzen wusste. Frauen mögen coole Typen. Nicht den aufgesetzten Baucheinzieher. 

Es gab Momente in seiner Vergangenheit, die ihm an einer Weggabelung die Richtung aufgezeigt hatten. Zum Beispiel Susannes Feststellung, als sie eines Abends von ihrer Arbeit im Kempi in das gemeinsame Nest nach Kreuzberg zurückkehrte und vor Erschöpfung kaum mehr reden konnte: Ein Lächeln kostet nichts, egal wie es Dir geht. Er hatte diese maskulin-verführerische, trotzdem authentische Geste im Laufe der Jahre vervollkommnet. Mit seiner schönen Stimme zum Gesamtkunstwerk erhoben, konnte er auf einige Erfolge zurückblicken. 


Letztes Jahr bei Manufaktum in Wien, zum Beispiel. Er vertrat nach außen hin stets die Meinung, dass dort nur Konsumfrustrierte ihre innere Leere für einige Momente durch den Kaufimpuls verdrängten. Den Gedanken an das Minus auf seinem Konto unterdrückend, hatte er sich en paar Schuhe von Zewa für 260 € geleistet. Als er zum Zahlen an die Kasse trat, stand sie da, gestikulierend. 

Sie. Sein ästhetisches Idealbeuteschema. 1,70 Meter groß, eine klassische Großbürgertochter mit alternativen Schattierungen. Die rote Korallenkette umschmeichelte perfekt die diskrete und doch eindeutige Anmutung des Dekolletés. Seine reichlich vorhandene Vorstellungskraft löste eine leichte Ausbuchtung im Genitalbereich aus, was er als angenehm empfand. „Wie soll ich dieses Paket allein tragen?“ empörte sie sich, auf das soeben erworbene Produkt deutend. Es gibt Frauen, deren Schönheit bei Erregung zutage tritt, egal welcher Provenienz letztere auch sei. Dieses angedeutete Wangenrot, zusammen mit den sprühenden Augen …   

„Kann ich Ihnen in irgendeiner Art behilflich sein, gnädige Frau?“ Dieses leicht ironisch gehauchte „Gnädige Frau“ hatte er sich in Wien angeeignet. Melodiös mit sonorer Stimme vorgetragen, erzielte es fast immer die gewünschte Wirkung. Vor dem gedehnten „in irgendeiner Art“ legte er eine kurze, vielsagende  Pause ein. Die meisten waren sich der Bedeutung der Pausen nicht bewusst. Er hatte dies als Student an der FU gelernt, als er über die Heinzelmännchen einen Job als Synchronsprecher für jugoslawische Liebesschnulzen bekam. Die Pause schaffte emotionale Gemeinsamkeit, sie stellte ein stilles, oft erotisches Einverständnis her. Die Kundin drehte sich um, lächelte ihn an und sagte: „Ich würde Ihr Angebot soooo gern annehmen, aber es wird nicht leicht sein, dies meinem Mann zu erklären, der unten am Eingang wartet“. Das gedehnte sooo ließ erkennen, dass sie seine Andeutung verstanden hatte.   Später musste er immer noch wehmütig lächeln, wenn er sich daran erinnerte. 

Bei einer Kaufentscheidung irrte er sich nie. Wobei seine Argumentation durchaus stichhaltig war: Wer nur auf den Preis achtet, unterschlägt das wahre Kriterium, nämlich die Koppelung der Kosten an die Nutzungsdauer. Er nannte ein paar Schuhe von Prada sein eigen, die ursprünglich 990 € kosteten. Also überreichte er der Verkäuferin des in einer Seitenstraße des Paseo del Borne gelegenen Schuhladens am vorletzten Tag des Schlussverkaufs einen Zehn-Euro-Scheins mit dem Vorschlag, die Schuhe bis zum Ladenschluss am nächsten Tag der optischen Kundenwahrnehmung zu entziehen. Zehn Minuten vorher erschien er dann auf der Bildfläche, mit den Schuhen in der Hand, die mittlerweile mit 490 € ausgepreist waren und gab den leidenden Pensionisten. Den Rücken gebeugt, etwas schlurfend, ihn umwehte ein Hauch von seniler Hilfsbedürftigkeit, dergestalt wirkte er durchaus überzeugend. Seinem Argument, als Bezieher der Mindestpension könne er maximal 290 € ausgeben, konnte sich die Inhaberin nicht verschließen. Das war vor fünfzehn Jahren. Die Schuhe waren immer noch wie neu, er trug sie nur bei gutem Wetter und zu besonderen Anlässen und pflegte sie besser als die meisten seiner Beziehungen.  Die Passform war einzigartig, sie waren wahre Fußschmeichler, dem schnöden Ziel der reinen Umhüllung des, Körperteils enthoben. Die schlanken Schnürsenkel galt es durch 7 Löcher hindurch zu führen. Bisweilen strich er mit einem verklärten Lächeln über das warme, wohlgenährte Leder. Und ergötzte sich an einem Alleinstellungsmerkmal, das mittlerweile nur noch teurem Fußwerk vorbehalten war: Die Sohlen erneuern zu können. Als Kind beim Schuhmacher in der Reihe zu stehen, der betörende Geruch nach Leder und Schuhcreme war eine seiner ersten Erinnerungen und blieb Zeit seines Lebens im Lustsegment seines Gedächtnisses haften. Damit konnte er sogar bei Salonlinken punkten, unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit, die seinen Hang zu guter Qualität als Konsumfrevel abtaten.

Die Entscheidung, dem zementierten Schmetterlingsstatus zu entsagen und sich auf eine feste Partnerschaft einzulassen, traf er beim Joggen, wobei seiner Entscheidung nicht wenig Pragmatismus zugrunde lag. Zwar konnte er sich einer beneidenswerten Gesundheit rühmen, er hatte zeit seines Lebens nie ein Medikament länger einnehmen müssen, war aber einsichtig genug, diesen Tatbestand nicht als Garantieversprechen ohne Enddatum auszulegen. 

Ihm war nicht entgangen, wie sich im Bekanntenkreis die Schicksalsschläge häuften, wie die kerngesunde Dame plötzlich zum Pflegefall geriet, wie aus gestandenen Mannsbildern schlurfende Rentner wurden. Und ihm war auch klar, dass ihn der Moment ereilen würde, in dem sein männliches Alleinstellungsmerkmal dem Gesetz der Schwerkraft zum Opfer fallen würde. Er beschloss, die Segel zu raffen und den nächsten sicheren Hafen anzusteuern. 

Nicht um jeden Preis, die Dame, die ihn an der beeindruckenden Hafenmole erwartete, sollte schlank, wohlgewandet und klug sein.

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